Liebe ist wenn Du zum Tal wirst … der Raum, der gewährt

Früh morgens vor der Arbeit schon was erleben – das hat mir (Uli) mein Freund Michael beigebracht. Dabei waren wir mal auf einem der Dawn-Patrol-Hikes in Latschen steckengeblieben, hatten ein anderes Mal einen wunderbaren Tee auf dem Wank. Trafen uns regelmäßig um sieben in der Früh in der Kletterhalle. Biwakierten vorm Gemeindemuseum, damit wir zeitig starten konnten. Egal was ich mit Michael unternommen habe – es war stets fordernd, leicht, lustig, ernst manchmal alles zugleich, aber niemals langweilig.

Die Liebe zu den Bergen hat Michael nach Deutschland zu den Alpen gebracht. In unserem Interview gibt er spannende Einblicke in die Unterschiede beim Bergsteigen in den Alpen zum Bergsteigen in seiner Heimat. Er öffnet auch das Tor zu seinen inneren Welten, wo die Berge aus den Tälern sprießen. Lass Dich inspirieren von einem Menschen mit offenem Herzen, der in den Bergen wirklich zu Hause ist (übersetzt aus dem Englischen, die Originalversion findest du HIER).

INTERVIEW

Wo genau kommst Du ursprünglich her? Wie lange lebst Du schon hier in Deutschland?

Ich wuchs in Ost-Texas auf, eine ziemlich sumpfige und flache Gegend. Meine Mutter war Kunstlehrerin in Gefängnissen. Sie arbeitete mit den Leuten, die von der Zivilisation aufgegeben wurden, und brachte sie dazu wieder an sich zu glauben. Deshalb war ich immer mit einem Fuß draußen. Ich bin nun näher dran alles hinter mir zu lassen als jemals zuvor.

Ich lebe hier in München seit 12 Jahren. Manchmal hab ich mir aber schon gewünscht, dass wir noch näher an den Bergen wären. Zum Beispiel wär Innsbruck noch besser, dort könntest Du einfach zur Tür raus und 2.000 Meter hochlaufen 😉

Wie kam es zu Deiner Entscheidung in die Nähe der Alpen zu ziehen?

Das Gefühl, dass das Leben kurz ist und Du Dich besser mit dem beschäftigst was Du wirklich willst. Kris und ich hatten gerade unsere Zwillinge bekommen. Das war eine Art Wendepunkt für uns, an dem wir innehalten und uns umschauen konnten was wir vielleicht ändern könnten. Wir sahen, dass das unsere einzige Chance war – denn mit schulpflichtigen Kindern es ist sehr schwer umzuziehen.

Was hast Du vorher in den USA gemacht? Inwiefern unterscheiden sich die Touren in den Alpen von deinen Bergabenteuern in den USA? Welche sind das?

Ich hatte das Glück die alpine Welt in den Washington Cascade Mountains kennenzulernen: Nicht hoch, aber stark vergletschert, mit tiefen wilden Tälern und miesem, kaltem Wetter. Unsere Kletterrouten waren oft kurz, aber wir mussten zwei Tage wandern um sie erstmal zu erreichen. Die Routen haben eine lange Geschichte und müssen selbst abgesichert werden. Die Bergsteigergemeinschaft ist klein, hat aber eine starke gemeinsame Liebe für Ausflüge in die Wildnis. Wenn das Wetter dann mal wirklich gut ist, dann musst Du einfach raus!

Die Alpen sind wie ein Spielplatz. Was – man braucht nicht 1.000 Meter aufsteigen um überhaupt erstmal aus dem Wald herauszukommen? Was – die Kletterrouten sind bereits abgesichert? Was – jedes Tal hat mehrere Wanderwege und die sind nicht zugewuchert weil sie die letzten 5 Jahre nicht gewartet wurden?

Der Himmel auf Erden. Die Alpen sind wirklich der Himmel. Ich könnte hier mehrere Leben verbringen.

Oh, mein größtes Abenteuer in den USA war eine Wildnis-Traverse der Picket Range von Nord nach Süd. Sie beinhaltete die Besteigung des Challenger Peak, den Nordpfeiler des Mount Fury und schließlich die Nordwand of Mount Terror. Dies wurde bisher noch von niemandem wiederholt obwohl es an Versuchen nicht mangelte.

Was ist das Beste an den Alpen?

Der Blick vom Gipfel in die Täler. Wie sich die Ortschaften in die Landschaft integrieren. Sie konkurrieren nicht mit der Landschaft – sie versuchen sie zu ehren. Das ist sehr schön!

Das nächste ist wie sich die Bergwände in viele vertikale Wände, eigenwillige Kamine und dunkle Ecken aufbrechen. Ich erlebe die Kalkalpen und die Dolomiten als natürliche Fraktale – wer genau hinschaut, will immer tiefer blicken. Die Vorstellung, dass ich damit nie aufhören muss, macht mich glücklich.

Was macht für Dich eine ideale Bergtour aus? Nach welchen Kriterien suchst Du sie aus?

Entweder allein oder mit Freunden. Wenn allein, dann versuche ich den Tag so zu gestalten, dass er einen emotionalen Höhepunkt mit der richtigen Musik und passenden Anstrengung bekommt. Wenn mit Freuden, dann führe ich am liebsten ein einziges Gespräch, das acht Stunden dauert.

Wir werden stets daran erinnert, dass wir sowohl klein als auch groß sind. Dass wir jede Hürde überwinden können, aber jeder muss für sich allein durch: nackt und verletzlich. Das ist Komödie. Es gibt immer was zu lachen.

Uli auf einem Gipfel in den Lechtalern, während unserer wunderbaren “5-Tage-in-2-Tagen Wanderung”

Was die Landschaft angeht mag ich den riesigen Raum oberhalb der Baumgrenze. Beim Fels liebe ich es wenn die Route traversiert und Du Deinem Partner auf der Seite zuschaust, wie er den Weg findet. Ich brauche es nicht zu schwierig … aber wenn es schwer ist, dann sollte es im Dienst der Linie stehen. Zum Beispiel gefällt mir der Normalweg aufs Matterhorn sehr, weil es die romantischste Linie dieses Berges ist. Das sollte man auch trotz der Massen würdigen.

Wenn wir wandern dann mit viel Aufstieg. Ich mag 2.000-Meter-Tage.

Was ist/war Deine größte Herausforderung hier in den Alpen?

Ich denke das war die Innominata am Mont Blanc. Wir waren nicht akklimatisiert, total dämlich! Deshalb waren wir sehr langsam … und die objektive Gefahr war sehr hoch. Am Tag zuvor sind zwei Leute beim Versuch den Grand Couloir zu überqueren umgekommen. In den oberen Seillängen diente die Absicherung nur noch zur Gewissensberuhigung – eine einzige Eisaxt in sulzigem Schnee … Erschöpfung.

Der Domgrat war eine andere … erst hoch und über das Täschhorn dann hinauf zum Dom. Wir waren stärker in dieser Tour, aber es waren im Abstieg sehr viele Stunden auf den Frontzacken unserer Steigeisen. Stressig … Ich erinnere mich an einen großen Brocken, der durch bloße Berührung mit meinem Schuh einfach abbrach.

Was hast Du in den Alpen über Dich gelernt?

Fast alles was ich über mich selbst weiß, kam von den Bergen. Ich muss die Wahrheit in meinen müden Muskeln und Knochen fühlen, um sie zu begreifen. Mein Verstand bewegt sich zu schnell. Er scheint ein Rennen zu “gewinnen”, aber er birgt nichts Wahres. Meine Herausforderung ist, mit dem wenigen das ich weiß, glücklich zu sein und meine Freude daraus zu schöpfen.

Ich habe es übertrieben … bin zu weit gegangen – und ein Freund musste dafür bezahlen. Ich stürzte am Musterstein und durch den Sturz verletzte er sich am Hals und sein vorderes Kreuzband riss.

Das war der eine Sturz, ich hatte noch einen anderen am Langkofel. Bei diesem verletzte ich mich leicht. Mein Freund rettete mein Leben und das erzeugte eine immerwährende Verbindung zwischen uns, die wir auf ewig in Ehren halten werden. Seltsamerweise zeigte ich ihm gerade mal fünf Minuten zuvor einen speziellen Knoten, mit dem er bei einem Unfall seine Hände frei bekommt. Wir kletterten schon seit zwei Jahren zusammen. Ich glaube nicht, dass das Zufall war (obwohl ich natürlich nicht vorhatte zu fallen!!!)

Ich bin viele Touren solo gegangen um zu wissen, dass ich schwere Touren nicht allein begehen will. Die Südwand der Tofana allein, der Hintergrat am Ortler, und ein paar mehr. Mein Geist schwirrt … spiele ich um mein Leben? Nein …  es ist eine Ehre allein in den Bergen zu sein. Ich muss ihnen den Frieden bringen, den sie mir geben. Nein, keine “Wetten” mehr.

Liebe ist wenn Du zum Tal wirst … der Raum, der gewährt. Klick um zu Tweeten

Liebe ist wenn Du zum Tal wirst … der Raum, der gewährt. Ich denke jetzt, dass ich geklettert bin, damit ich diesen riesigen Raum erkenne. Alles was ich jetzt *wirklich* will, ist, das zu sein, was ich gesehen habe. Der große gewährende Raum, in dem sich die Gipfel erheben um uns alle zu faszinieren.

Eine Zeichnung vom Singen während einer Eiskletter-Tour (Das habe ich oft gemacht!)

Was reizt Dich besonders an einem Dawn-Patrol-Hike?

Ich begann damit in den USA und tat es dort öfters als hier – Kinder im Haus schränken die Zeit für Dawn Patrol ziemlich ein! Ich machte sie weil ich die Verbindung zu den Bergen unter der Woche nicht verlieren wollte. Mir war klar, dass das Wissen um den Schnee eine Kunstform ist … ein Gespräch, das den ganzen Winter über andauert. Ich wollte also mit der Höhe in Kontakt bleiben. Das hat ganz gut funktioniert. Du bist dann immer in den Bergen zu Hause, selbst wenn Du einen Arbeitsplatz in der Stadt hast. Meistens waren es Wanderungen, manchmal auch verbunden mit Schi oder Eisklettern.

Was war Dein schönster Dawn-Patrol-Hike?
Hmm … vielleicht nicht der allerbeste, aber einer der frühesten. 1999 – da nannte ich es meine “jährliche Vor-Der-Arbeit-Tour” – wusste ich noch nicht, wie weit ich diese Idee noch treiben würde. Ich versuchte den unbedeutenden Gipfel Mount Stickney in den Cascades zu besteigen, aber eine Lawine versperrte die Straße, so musste ich einige Meilen früher als geplant losgehen. Ich schaffte es zu einem Aussichtspunkt und sah die Morgendämmerung durch die Wolken um den Glacier Peak. “Das war genug” schrieb ich vor 18 Jahren. Heute weiß ich, dass es nie genug sein wird.

Wenn Dich die Dawn-Patrol-Hikes Idee angesprochen hat, dann lies Dir auch unseren Ratgeber für Dawn-Patrol-Hikes.

Hey, wenn Dir dieser Artikel gefallen hat, dann teile ihn doch gern auf der sozialen Plattform Deiner Wahl!
Michael

Willst Du mehr über Michael erfahren? Finde ihn hier:

Michael, ich freue mich schon sehr auf unser nächstes Bergabenteuer – egal ob morgens, mittags, abends oder nachts …


Könntest Du Dir vorstellen, in ein anderes Land zu ziehen, um den Bergen dort näher zu sein?  Ist Dein Bergpartner auch aus einem anderen Land? Wie nimmt er die Alpen wahr? Lass es uns wissen, entweder in den Kommentaren oder gern auch per E-Mail an contact@dustyboots.blog

Dir gefällt dieses Interview? Dann stürz Dich auf die Share-Buttons ↓ hier unten↓ !

print

Das könnte dir auch gefallen:

2 Kommentare

Flo 1. Mai 2017 - 13:47

Schon wieder News von Dustyboots.blog… Zuerst dachte ich “soll das wirklich lesen, habe doch so viel zu tun”, aber die Artikel sind ja immer interessant… Also habe ich den Artikel gelesen: YEAH! Welch tolle Entscheidung! Welch toller Artikel! Danke! Echt spannende Einblicke in die Persönlichkeit eines Bergsteiger und auch insbesondere spannend wie sich das im Laufe der Zeit entwickelt hat!
(Auch, wenn ich das Zitat mit dem Tal werden nicht gecheckt habe, aber vllt muss ich einfach noch selbst mehr raus in die Berge + Täler?! 😉

Den nächsten Artikel lese ich bestimmt wieder!

Antworten
Christiane Scheibe 3. Mai 2017 - 23:04

Da werden wir doch glatt rot bei so viel Lob 🙂
Danke, Flo!

Antworten

Hinterlasse ein Kommentar