Meine Strecken sind so bis 100 km am Stück

Ich begegnete Renate zum ersten Mal bei meiner Alpenüberquerung, kurz vor Belluno auf einer Berghütte. Sie wuselte herum und übertrug ihre Tageswerte von der Uhr in ihr Notizbuch. Es brauchte eine Weile bis wir alle angekommen waren, abends am Tisch kamen wir näher ins Gespräch.

Sie liebt Langstrecken-Läufe, also alles was so richtig lang ist. Dabei ist sie keine verbissene Kämpferin, sondern ein ganz bodenständiger Mensch mit einem großen Herzen. Um über die Alpen zu gelangen, war Renate an ihrer Haustür bei Augsburg zu Fuß gestartet und nur knapp zwei Wochen unterwegs. Zum Vergleich: ich ließ mir drei Wochen Zeit, startete aber erst in Lenggries.

Kurzum: Renate ist fix unterwegs. Wie lange schon und was sie dabei alles erlebt hat, davon erzählt sie uns jetzt:

Interview

Seit wann läufst Du schon Langstrecken? Wie lang sind Deine Strecken? Wie kam es dazu, dass Du von der Straße in die Berge abgebogen bist?

Also mit dem Marathon habe ich 2013 angefangen. 2009 hatte ich einen Fahrradunfall, ein Traktor hat mich über den Haufen gefahren und seitdem habe ich ein kaputtes Sprunggelenk und bin bis 2012 gar nicht mehr gelaufen. Nach meiner Fahrradtour im Sommer 2012 nach Santiago de Compostela mit 2.600 km in vier Wochen konnte ich durch den Muskelaufbau wieder laufen.

Und da mir meine Orthopädin zwei Jahre vorher auf meine Frage, was sie von den Heilungsaussichten meines Sprunggelenks halte, geantwortet hatte: „Na ja, einen Marathon laufen Sie damit keinen mehr“, wusste ich ja, was ich zu tun hatte.

Im Mai 2013 war dann mein erster Marathon: Rennsteig. Dort ist wenig Asphalt und es gibt viele Wege zu laufen, das ist besser für meinen Fuß. Meine Strecken sind inzwischen so bis 100 km am Stück. Ich bin eigentlich nicht von der Straße in die Berge abgebogen.

Ich habe seit vierzig Jahren Pferde und war schon 1984 mit zwei Pferden vier Wochen lang 1.000 km unterwegs auf dem „Treck nach Trier“ zur 2000-Jahr-Feier. Die Straßenläufe waren nur deshalb weil halt dort die „klassischen Läufe“ stattfinden.

Ich habe es bei den 100 km von Biel 2015 wieder mal gemerkt, dass ich kein Straßenläufer bin. Ich bin viel lieber im Gelände unterwegs.

Was ist das der Unterschied zwischen Berglauf und Straße? Was gefällt Dir beim Berglauf besonders?

Wenn man einmal in den Bergen war lassen sie einen nicht mehr los. Die Aussicht ist toll, es fahren keine Autos, es ist einfach „Natur pur“.

Welche Wettbewerbe bist Du schon gelaufen? Was war Dein intensivster Moment beim Berglauf?

2014 bin ich den 33M-Cup mitgelaufen: 3 Bergmarathons in 3 Monaten

  • im Juni den LGT Alpin Marathon in Liechtenstein
  • im Juli den Zermatt-Marathon in der Schweiz
  • im August den Allgäu-Panorama-Marathon.

Den Rennsteig-Supermarathon mit 72 km bin ich 2014 und 2015 mitgelaufen, den Zermatt-Ultra-Marathon auf das Gornergrat hoch, in Biel 2015 die 100 km, den Trans-Alpin-Lauf in 2015, letztes Jahr den Cappadocia-Ultratrail.

Dieses Jahr im Mai den Ultratrail von Bologna nach Florenz, da bin ich aber nach 100 km und gut 3.000 Höhenmetern ausgestiegen. Das war einfach zu früh im Jahr für mich. Bei uns kann man erst ab Mitte Mai richtig in die Berge.

Den Karwendellauf mit 52 km und 2.400 hm bin ich dieses Jahr noch mitgelaufen, der hat mir wirklich gut gefallen. Ganz tolles Panorama, ich kenne ja die Gegend von meiner Venedig-Tour 2013.

Der intensivste Moment ist für mich immer im Ziel, wenn ich es wieder mal geschafft habe.

Gibt es ein bestimmtes Gefühl, das sich kurz vor dem Ziel oder im Ziel eines langen Laufs einstellt? Kannst Du es beschreiben?

Es ist einfach die Freude, es wieder mal geschafft zu haben, das macht mich dann unheimlich stolz und glücklich.

Welche Bergläufe hast Du für die Zukunft im Blick?

Seit diesem Jahr habe ich meine Wettbewerbe etwas zurückgeschraubt. Es hat mich irgendwie gestresst. Es geht mir immer mehr um das Lauf-Erlebnis, nicht so um eine gute Platzierung. Angemeldet habe ich mich für den „Megamarsch 2018“ in München: 100 km in 24 Stunden. (Man darf auch schneller 😉 )

Aber ein spezieller Berglauf reizt mich gerade nicht. Mal schauen… es kann schon sein, dass sich spontan noch etwas ergibt. Ich habe wieder eine vierwöchige Tour durch die Pyrenäen vor, und dann würden mir noch zwei andere Langstrecken vorschweben. Das macht mir aktuell mehr Spaß.

Wie bereitest Du Dich auf die Läufe vor? Hast Du eine spezielle Trainingsmethode?

Eher nicht. Wenn ich mit ambitionierten Läufern rede schütteln die eh nur den Kopf. Ich laufe nicht nach einem Trainingsplan. Natürlich versuche ich, möglichst viele Kilometer und Höhenmeter zu machen. Aber ich muss es an meinen wirklich stressigen Job anpassen, da habe ich manchmal mehr Zeit und halt manchmal weniger. Und wenn es in Strömen gießt, laufe ich auch keine 30 km aus Spaß. Bei mir ist das eigentlich hobbymäßig und als Ausgleich zum Job. Just for fun.

Taktische Frage: Wie gehst Du einen Ultra-Lauf an? Wie findest Du Deine Geschwindigkeit? Wann sind Pausen angesagt? Wofür nimmst Du Dir unterwegs auf jeden Fall Zeit?

Also ich trinke und esse immer, wenn es etwas gibt. So viel Zeit nehme ich mir. Pausen gibt es bei so etwas nicht wirklich, die Zeit läuft weiter.

Ich laufe immer die ersten ein, zwei Kilometer ganz bewusst richtig langsam und kontrolliere das auch auf meiner Uhr. Das Schlimmste ist, wenn man sich von den Anderen mitziehen lässt und dann keine Puste mehr hat.

Praktische Frage: Wie muss der Rucksack gepackt sein, damit er beim Laufen nicht hüpft und rumwackelt?

Ich habe natürlich auch schon diverse Rucksäcke ausprobiert und bin von den minimalistischen Laufrucksäcken ohne Tragegestell etc. wieder abgekommen. Die hängen immer wie ein nasser Sack dran. Und wenn man härtere Sachen wie die Stöcke, Lampe etc. im Rucksack hat, dann drückt es alles auf den Rücken.

Ohne Schleichwerbung zu machen: Ich habe inzwischen fünf Deuter Frauenrucksäcke zwischen 14 u. 45+10 Litern. Den mit 14 Litern nehme ich inzwischen für die Bergläufe auch her. Man hat so viel an Pflichtausrüstung, da ist man damit gut gerüstet.

Ich habe ja in den Bergen IMMER z.B. eine vernünftige Jacke dabei, die den Namen auch verdient. Da ist mir immer das Drama beim Zugspitz-Berglauf im Kopf, wo die Leute im kurzen Hemdchen bei Schneetreiben den Berg hoch sind.

Der Rucksack hat einen Bauchgurt und ich mache ihn wirklich fest und ziehe alle Gurte stramm, die es so gibt. Ich trage ihn zum Laufen auch höher als eigentlich empfohlen. Dann wackelt er auch wenig rum.

Welchen Rat hast Du für Berglauf-Aspiranten?

Also zum Training muss man einfach Berge rauf laufen. Alles Andere hilft meines Erachtens nach nichts. Und zwar nicht so „Hügelchen“ mit 200 hm fünf Mal rauf und runter, sondern halt eher 2 Mal 1.000 hm rauf und runter. Und eben auch in den höheren Lagen laufen. Es ist eine ganz andere Belastung wenn man am Stück 1.000 hm rauf muss als wenn man nach 200 hm schon wieder runter geht.

Nur mal so: ich habe dieses Jahr bestimmt schon 70.000 (siebzigtausend!) Höhenmeter in den Beinen.

Du bist aber nicht nur auf Wettbewerben unterwegs. Ich hatte vor kurzem ein Biwak-Bild von Dir gesehen. Was reizt Dich an langen Trekking-Touren?

Ich dachte früher, dass ich mein Gepäck nicht tragen könnte und bin deswegen geradelt. Aber dann das Fahrrad am Flughafen in Porto in den Flieger zu bekommen war ein Drama. Da dachte ich mir: nächstes Mal schnappe ich mir meinen Rucksack und laufe über die Alpen nach Venedig. Für die Rückfahrt setze ich mich ganz locker in den Zug, alles chillig.

So eine lange Trekking-Tour ist hier in Europa trotzdem immer noch ein Abenteuer. Ich bin ja immer alleine unterwegs. Ich weiß nie wo ich am Abend schlafe. Aber alles ist total reduziert: ich habe immer wenig Gepäck (nach Venedig hatte ich mit Wasser 7,5 kg in meinem 24-Liter-Rucksack). Ich muss meinen Weg finden, etwas zu Essen besorgen und brauche einen Schlafplatz. Sonst nichts. Niemand will etwas von mir. Man trifft unheimlich viele nette Leute unterwegs auf den Hütten oder in den Herbergen.

Außer Deutsch spreche ich noch relativ fließend Englisch und Französisch, einige Kurse Italienisch habe ich schon hinter mir und lerne gerade parallel noch Spanisch in der VHS. Da kann man sich dann schon mit den meisten Leuten unterhalten.

Und wenn man dann mal die Strecke auf einer großen Strassenkarte ansieht, staunt man ganz schön, wie weit man eigentlich zu Fuß in relativ kurzer Zeit kommt. Es ist wirklich „Wow“!

Was ist für Dich unterwegs einfach unverzichtbar?

Also, ohne meine topographischen Karten gehe ich nicht los. Ich bin schon fast vierzig Jahre unterwegs. Die Karten ziehe ich wirklich den GPS-Geräten vor. Sie brauchen keinen Strom, den gibt es eben in den Bergen nicht überall. Da habe ich zwar eine Powerbank zum Aufladen dabei, aber meine GPS-Uhr und ab und an die Kamera und das Handy reichen schon als Stromfresser.

Ich denke auch nicht, dass man 1.000 km, die ich gerne mal unterwegs bin, vernünftig auf das Gerät laden kann. Und der Ausschnitt ist auf Karten auch einfach größer als auf dem Teil. In den Bergen laufe ich viel mit Stöcken, da will ich nicht noch etwas in der Hand halten müssen.

Welche Trekking-Touren hast Du noch vor?

Tja.Ich kann mir gar nicht so viel Urlaub nehmen, wie ich unterwegs sein möchte 😉 Ich kann mir gar nicht so viel Urlaub nehmen, wie ich unterwegs sein möchte 😉 Klick um zu Tweeten

Also nächstes Jahr muss ich noch mal in die Pyrenäen. Heuer bin ich ja in 32 Tagen vom Atlantik zum Mittelmeer auf dem GR10 gelaufen. Das ist der Fernwanderweg in Frankreich auf der Nordseite der Berge. So etwa 50.000 hm und nach meiner Uhr 1.000 km.

Aktuell bin ich grade mit der Planung für die „Haute Randonnée des Pyrenées“ beschäftigt. Das ist die Höhenroute über die Pyrenäen, mit noch weniger Übernachtungsmöglichkeiten etc. Man steigt immer nur so ein mal pro Woche irgendwo hin ab in einen Ort und kauft Essen ein. Das ist noch einmal eine Nummer abenteuerlicher als der GR10.

Dann steht noch der Alpe-Adria-Trail auf meiner To-Do-Liste. Noch dazu, weil ich am Ende des Weges bei Triest noch Verwandte in ihrem Ferienhaus besuchen könnte. Die „Grande Traversée des Alpes“ vom Genfer See nach Nizza wollte ich eigentlich dieses Jahr laufen, aber die Pyrenäen waren wichtiger. Also bis mindestens 2020 ist mein Jahresurlaub schon verplant.

Kannst Du Deine Füße noch stillhalten? Was machst Du wenn Du nicht läufst?

So zwischendurch kann ich meine Füße durchaus stillhalten. Ich muss ja auch arbeiten. Allerdings gehört zu meinem „Pflichtprogramm“, dass ich jeden Tag entweder 6 km laufe oder 10 km radle. Da gibt es nur ganz wenige Ausnahmen im Jahr, wenn es mir gesundheitlich wirklich schlecht geht etc.

Außerdem skate ich auch gerne noch durch die Gegend. Ich bin letztes Jahr von Passau nach Wien 230 km auf dem Donauradweg in knapp 3 Tagen geskatet. Auch wie immer ganz allein und ohne Gepäcktransport.

Und gerade jetzt, wo die Tage wieder kürzer werden, sitze ich auch abends wieder eher daheim. Ich plane immer im Herbst/Winter meine nächste Sommer-Tour. Und außerdem sticke ich z. B. auch noch Mustertücher nach alten Vorlagen, das ist ziemlich zeitintensiv und entspannend.


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Renate

Wenn Du mehr über Renate wissen willst:

Sie ist 56 Jahre jung, arbeitet selbstständig und bezeichnet sich als “Schreibtischtäterin”. Sie ist schon seit über 40 Jahren unterwegs um immer wieder neue Abenteuer zu erleben. Ihr Basecamp hat sie in einem alten Bauernhaus südlich von Augsburg aufgeschlagen. Sie freut sich jetzt schon, wenn sie mal ihre vier Enkelkinder in den Berge mitnehmen kann. Bis es soweit ist hält sie sich mit einer “Tour” pro Jahr fit.

Du findest Renate auch auf Facebook oder an der Startlinie vom Mega-Marsch oder sie überholt Dich auf dem Weg zu einem der Münchner Hausberge hinauf 😉


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